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Annemarie, Oma und der alte Apfelbaum


Annemarie stand in der Tür. Die Erwachsenen schienen sehr beschäftigt, denn sie hörten ihr Klopfen nicht. Und weil es so lange dauerte, hatte Annemarie die Tür geöffnet. Sie hörte, wie Großmutter sagte: „Ach, ich bin nichts mehr wert; ich kann ja nichts mehr tun.“ Das tat Annemarie weh. Da gab es einen Stich im Herzen genau in der Mitte, und Annemarie wusste nicht warum.

Schließlich bemerkte die Mutter Annemarie. „Geht es dir nicht gut?“ fragte die Mutter. Annemarie reagierte nicht. Sie war noch viel zu beschäftigt mit dem Satz der Großmutter. „Anne“, wiederholte die Mutter, „geht es dir nicht gut?“ Annemarie sah ihre geliebte Omi und wusste nicht, was sie antworten sollte. „Mir geht es gut“, sagte sie schnell und verschwand.

Sie lief in den Garten und setzte sich auf die rote Bank unter dem Apfelbaum. Das tat sie immer, wenn sie nachdenken musste. Sie hörte noch einmal den Satz, den sie nicht verstand. Über ihre Stirn waren Falten gezogen wie liniertes Papier. Wieso war Omi nichts mehr wert, ihre geliebte Omi? Und es stimmte überhaupt nicht, dass Omi gar nichts mehr tun konnte! Richtig wütend wurde Annemarie. „Aber“, so dachte sie, „wenn ich es nicht verstehe, wie kann ich der Omi da helfen?“

Sie wollte Albert fragen. Albert, der große Apfelbaum, hatte ihr schon bei vielen kniffligen Fragen geholfen. „Du, Albert“, sagte Annemarie, „ich muss dich etwas Wichtiges fragen! Der Papa hat gesagt, dass du schon sehr alt bist. Wie alt bist du denn? Bist du schon 100 Jahre alt?“ Albert neigte die Zweige ein wenig zur Seite, und das Sonnenlicht traf auf Anne’s Gesicht. Sie blinzelte. „Nehmen wir an, du bist 100 Jahre alt, bist du da nichts mehr wert? Ach nein, das kann ja nicht sein“, sagte sie zu dem alten Baum. „Du stehst schon lange hier, wenigstens so lange, wie ich bin. Genau genommen, sieben Jahre und noch die vielen Jahre bis 100. Wenn du hier nicht mehr stehen würdest, wäre ich sehr traurig. Und wenn Omi nicht mehr wäre, wäre ich noch trauriger.“

Albert raschelte mit seinen Blättern. Fast hörte es sich an, als ob er sich verlegen räusperte. Annemarie schlenkerte mit den Beinen. Schließlich sprang sie auf. „Albert, du bist der schönste Baum, den ich kenne. Dein Stamm ist so dick, dass meine Arme dich nicht umschlingen können. Im Frühling riechst du gut und trägst zarte rosa Blüten. Im Sommer komme ich zu dir und bringe meine Decke mit, auch meine Puppe Luka und meine Freundin Sofie. Wir liegen dann alle auf der Decke und schauen zu dir hoch. Das ist immer toll! Du hast unzählige Arme und Blätter. Du lächelst und freust dich den ganzen Tag. All die vielen Zweige bilden ein Blätterdach und schützen uns vor der Hitze der Sonne. Ich finde, du bist wertvoll!“

Annemarie wusste nicht genau, was das ist, „wertvoll“ – zumindest hatte es nichts mit dem Alter zu tun. Sie musste auch an die dicken roten Äpfel denken, die süß und saftig schmeckten; an den Duft in der Küche, wenn Mutti zusammen mit Omi einen Apfelkuchen backte. Omi saß dann am Küchentisch und schälte Äpfel, ganz langsam. Bestimmt weil sie meinte, dass die Äpfel kostbar sind und nichts verschwendet werden durfte. Omi brauchte sehr lange zum Schälen. Mutti wusste das und passte es meist so ab, dass der Teig fertig war, wenn Omi die Äpfel geschält hatte. Überhaupt tat Omi alles sehr langsam. Annemarie lief rot an und schämte sich ein wenig, weil sie manchmal ziemlich ungeduldig war.

Nur weil Omi langsam war, sollte sie deshalb weniger wert sein? Annemarie spürte, dass die Frage Unsinn war. Aber was ist das bloß: „wertvoll“? Albert war alt, aber sie liebte ihn, und Omi war alt, aber sie liebte sie. Albert war alt und trotzdem für Annemarie wichtig, selbst im Winter, wenn keine Äpfel mehr am Baum hingen und der Herbststurm alle Blätter weggefegt hatte. Da stand dann auch die kleine rote Bank nicht mehr; die hatte Vati in den Schuppen getragen. Wenn es aber zu Schneien anfing und sich die Schneeflocken auf den Ästen sammelten, wenn Albert „einen weißen Smoking trug“ und die Sonne die weiße Pracht zum Glitzern und Funkeln brachte, war Albert besonders schön, so würdevoll und ernst, - fand jedenfalls Annemarie. Sicher, es gab keine Äpfel, keine grünen Blätter, und die Vögelchen sangen im Winter viel leiser, weil ihre Schnäbelchen vor lauter Frost zitterten. Trotzdem war Albert ihr Freund. Und für Kater Leon war er auch ein Freund. Nirgendwo ließ es sich so schön herumtollen wie in Alberts Zweigen. Selbst Carlo, der Hund, liebte Albert, wenn auch Albert den Carlo nicht immer liebte. Ab und zu pinkelte der verkehrt, eben an den Stamm, und darüber ärgerte sich Albert mächtig. Dann schüttelte er wütend die Zweige, und freute sich, wenn es kurz zuvor geregnet hatte, weil Carlo dann eine Dusche abbekam und pitschnass wurde.

„Gut“, dachte Annemarie, „mir fällt ein, was Albert alles tut. Aber was ist mit Omi?“ Wieder legte sich die kleine Stirn in Falten – wie liniertes Papier. „Omi macht alles langsam. ‚Alles‘ muss aber eine Menge sein für Omi. Wie wäre die Welt wohl ohne Omis Langsamkeit?“ Jetzt spürte Annemarie wieder diesen Stich mitten in ihrem Herzen. Ganz doll tat es weh und sie fing an zu weinen. „Ob Omi wohl daran denkt, dass ich weinen muss, wenn ich darüber nachdenke, wie es ohne ihre Langsamkeit wäre?“

Omi zog auch die Strümpfe ganz langsam an. Annemarie hatte es neulich beobachtet. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, und Annemarie sorgte sich dann sehr um Omi, ob sie sich in der Zwischenzeit nicht ganz kalte Füße geholt hatte. Omi zog auch die Jacke ganz langsam an, so im Zeitlupentempo. Annemarie hatte ihre Omi oft gefragt, ob sie ihr helfen sollte, damit es schneller ginge. Omi sagte dann immer: „Anne, lass man. Ich habe doch so viel Zeit, das schaffe ich ganz allein.“

Annemarie fing an zu lachen. Es war recht langsam und lustig mit Oma, beim Staubwischen zum Beispiel. „Omi“, hatte Annemarie in ihrer kindlichen Spontanität ausgerufen, „der Staub legt sich hinten genau so schnell wieder aufs Fensterbrett wie du ihn vorne wegwischst!“ Omi war Annemarie nicht böse, wenn sie so etwas sagte. Sie lachten dann beide über Omis Langsamkeit. Überhaupt war alles in Omis Zimmer anders als bei der Mutti. Aber Annemarie fand, dass es bei Omi viel gemütlicher war. Omi hatte immer Zeit. Niemand konnte Geschichten erzählen, die auch nur annähernd so spannend waren wie Omis Geschichten. Und Omi hatte vieles selbst erlebt, damals als Krieg war und Hunger. Und Omi hatte alles geschafft, die ganze schlimme Zeit, wie das Strümpfe anziehen in ihrer Langsamkeit. Annemarie wurde es ganz kuschelig und warm ums Herz, wenn sie an ihre liebe alte Omi dachte und an ihren lieben alten Apfelbaum Albert, die rote Bank, die Katze Leon und an den Hund Carlo.

Plötzlich wusste Annemarie, was „wertvoll“ ist. Es wohnt im Herzen, da, wo es manchmal auch weh tut. Aber wenn die Sonne scheint, wärmt das Herz selbst Omis Langsamkeit und Albert, der schon 100 Jahre alt ist. „Die Sonne des Herzens ist die Liebe“, hatte Mutti ihr einmal gesagt.

Annemarie rannte zurück ins Haus, klopfte an Omis Tür und wartete, bis ein Stimmchen rief: „Ja, bitte!“ Sie öffnete die Tür und blieb einen Moment stehen. Omi saß im alten Schaukelstuhl; so alt und langsam wie Omi war er geworden. „Was gibt es, Anne?“ fragte Omi. „Du, Omi“, sagte Anne, „es stimmt nicht, was du gesagt hast.“ Omis Augen ruhten auf Anne: „Was stimmt nicht, Anne?“ „Dass du nichts mehr wert bist, weil du alt bist.“ „Hab ich das gesagt, Anne?“ „Ja, Omi, das hast du, und ich war darüber ganz traurig.“ „Ach, Anne“, seufzte Omi, „ich bin doch nur schrecklich müde geworden. Und manchmal denke ich, es wäre für alle leichter ohne meine Langsamkeit.“

„Weißt du, Omi, ich habe dich ganz doll lieb, und mich stört deine Langsamkeit kein bisschen.“ „Was würde dich denn stören, Anne?“ fragte Omi. Anne legte ihre kleine Hand in die warme alte Hand ihrer geliebten Oma und drückte sie ganz fest: „Wenn meine Omi mit ihrer Langsamkeit nicht mehr wäre, und Albert, der schon 100 Jahre alt ist! Weil dann die Sonne nicht mehr scheinen könnte.“ „Aber die Sonne scheint doch jeden Tag, Anne.“ „Nein, Omi, Mutti hat gesagt ‚Die Sonne des Herzens ist die Liebe‘, und in meinem Herzen wäre es dann ganz dunkel.“

Omi drückte ihre Enkelin und küsste sie auf die Stirn. „Du hast Recht, Anne. Wenn wir uns nicht mehr hätten, das wäre schlimmer als meine Langsamkeit. Kostbar ist alles, was wir mit Liebe betrachten. Das wollte die Mutti sicher mit diesem Satz sagen. Und deine Augen schauen mit den Augen des Herzens. Meine kleine, kluge Anne!“ sagte Omi und streichelte über ihr lockiges Haar.




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